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Fürs Jubiläum: Der Urahn 300 SL Chassis Nr. 2



13.01.2012   Autor: Adrien Duncan

Mercedes 300 SL Oldtimer
Mercedes 300 SL Oldtimer

Die Wurzeln der SL-Klasse liegen im Rennsport: Anfang der 1950er-Jahre entwickelt Mercedes-Benz den Rennsportwagen 300 SL der Baureihe W 194. Es ist eine einzigartige Symbiose der drei Zutaten Leichtbau, Aerodynamik und Zuverlässigkeit. Der Ur-SL wird der staunenden Presse am 12. März 1952 auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Heilbronn vorgestellt – ein Überraschungscoup. Die Rennsaison 1952 verläuft für Mercedes-Benz außerordentlich erfolgreich: Plätze zwei und vier bei der Mille Miglia, Dreifachsieg beim Preis von Bern für Sportwagen, Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans, Vierfachsieg beim Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring und ein Doppelsieg bei der 3. Carrera Panamericana in Mexiko.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Leben in Deutschland stark vom Wiederaufbau geprägt. Mit den Siegen meldet sich die Marke mit einem Paukenschlag im Motorsport und über die Öffentlichkeitswirkung zugleich im internationalen Marktgeschehen zurück.
Dabei hilft allein das Aussehen des Fahrzeugs. Denn mit seiner schlanken, eleganten und mattsilberfarbenen Karosserie mit großem Mercedes-Stern im Kühlergrill verkörpert es eine hohe Fahrgeschwindigkeit quasi schon im Stand. Und dann die Flügeltüren, die im Falle der ganz frühen W 194 sehr kurz sind und eher Einstiegsluken ähneln: Sie geben dem Rennwagen ein sehr charakteristisches Aussehen – und begründen nicht zuletzt den Mythos SL. Das Fahrzeug mit der Chassisnummer 2 hat diese kurzen Flügeltüren. Damit ist der SL das älteste und weltweit einzige existierende Fahrzeug mit diesem Merkmal.

Restaurierung des 300 SL mit der Chassisnummer 2
Der erste 300 SL, das Premierenfahrzeug von 1952, existiert nicht mehr, er wurde im Werksbesitz verschrottet. Aber der zweite gebaute Wagen mit der Fahrgestell-Nummer 194 010 00002/52 ist noch vorhanden und ununterbrochen im Werksbesitz, seit er 1951/52 gebaut wurde. Das eingeschlagene „/2“ auf diversen Teilen ist Zeugnis seiner Originalität. Dieser älteste existierende SL wurde für das Jubiläum „60 Jahre SL“, das 2012 gefeiert wird, aufwendig restauriert. Dabei hat das Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach sämtliche Teile des vollständig demontierten Fahrzeugs untersucht und, wenn nötig, nach höchsten Maßstäben an Originalität und Qualität wieder instand gesetzt. Eine klare Vorgabe war, die Substanz und Patina in jeder Hinsicht zu erhalten; zugleich soll das Fahrzeug wieder möglichst so aussehen wie 1952: So erstrahlt der zweite jemals gebaute 300 SL (W 194) jetzt wieder in neuem Glanz – doch die Spuren eines langen und aufregenden Fahrzeuglebens zeigt er weiterhin mit Stolz.
Im Verlauf der Restaurierung wird zunächst der Gitterrohrrahmen, gleichsam das Rückgrat des Fahrzeugs, mit modernsten Methoden vermessen. Das Ergebnis: Die Maßabweichungen liegen auch nach 60 Jahren in vertretbarem Toleranzbereich. Hier zeigt sich der Vorteil der persönlichen Geschichte der Nummer 2. Denn das Fahrzeug wird zwar im Renngeschehen von 1952 genutzt, jedoch nie als Rennfahrzeug, sondern ausschließlich als Trainings- und Ersatzwagen, beispielsweise beim Preis von Bern für Sportwagen. Und auch Unfälle hat dieser SL nie erlebt – was für den insgesamt sehr guten Zustand heute sorgt.

Ein Fahrzeug mit Charakter
Beim W 194 mit der Chassisnummer 2 handelt es sich um eins von zwei gebauten Fahrzeugen mit besonderer Geschichte: Nummer 1 und Nummer 2 werden seinerzeit in der Rennwerkstatt in Stuttgart-Untertürkheim unter der Leitung von Rudolf Uhlenhaut in Handarbeit aufgebaut. Die nächsten acht Fahrzeuge, die dann auch hauptsächlich im Renngeschehen der Saison 1952 eingesetzt werden, entstehen zwar rationeller im Werk Sindelfingen, beispielsweise unter Verwendung von Pressteilen am Fahrgestell – wobei aber auch hier keine Großserienmethoden zum Einsatz kommen.
Es ist damals üblich, dass Rennfahrzeuge mehr oder weniger als Einzelstücke aufgebaut werden, denn sie werden gezielt für ihren Einsatzzweck hergestellt. Bei der Montage wird die Grundkonstruktion immer wieder auch modifiziert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. So ist jeder W 194 gewissermaßen ein Unikat – wobei die ersten beiden eben noch viel stärker die Anmutung einer Einzelanfertigung haben.
Dieser besondere Charakter der Nummer 2 zeigt sich an vielen Teilen. Alle Schweißnähte, sind mit der Hand gezogen worden. Beispielsweise Auspuff, Treibstofftank, Scheibenwaschbehälter und Sitzgestelle sind erkennbar Einzelanfertigungen.
Leichtbau ist ein großer Trumpf des W 194. Das zeigt die Karosserie aus Aluminium-Magnesium-Blech, das in diesem Fahrzeug zudem sehr dünn ist. Es zeigt sich an diversen Teilen, die zwecks Gewichtsersparnis über Bohrungen erleichtert sind, etwa an der Vorderachse oder auch beim Handbremshebel. Mit jedem Gramm wird gegeizt – und deshalb kommt auch der teure Werkstoff Magnesium zum Einsatz, zum Beispiel für die Getriebeglocke, das Hinterachs- und Lenkgetriebegehäuse. Andere Teile werden konsequent aus Aluminium gefertigt, beispielsweise der Treibstofftank, der Behälter für die Scheibenwaschflüssigkeit und der Hauptbremszylinder. Die Mühe lohnt: Der W 194 hat fahrfertig ein Leergewicht von nur 1060 Kilogramm.
In der Summe des Aufwands dokumentiert der W 194, dass er ein kostspieliges Projekt ist. Eben eines mit Prestigecharakter: Das Unternehmen ist damals bereit zu investieren, um über die positive Öffentlichkeitswirkung der Rennerfolge international wieder an Renommee zu gewinnen. Die Rechnung geht perfekt auf.



Restaurierung der Karosserie
Besonders aufwendig war die Restaurierung der Originalkarosserie. Sie ist aus sehr dünnem Aluminium-Magnesium-Blech gefertigt und damit schon von Haus aus empfindlich. Zudem hatte sie die Zeit an vielen Stellen stark gezeichnet, inklusive früherer Teilrestaurierungen. An einigen Stellen war sie stark deformiert. Mit dem jetzigen Ziel, dass alles wieder wie aus einem Guss wirken soll, gehen die Spezialisten ans Werk. Ihre Arbeiten hin zur restaurierten Rohkarosserie dauern rund fünf Monate, von Mai bis September 2011. Dabei bleibt der Gesamtcharakter erhalten. So sind Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche und auch eine Asymmetrie im Seitenvergleich rechts/links nach wie vor vorhanden – die Karosserie entsteht ja seinerzeit in Handarbeit, was Teil der Fahrzeuggeschichte ist und somit jetzt wieder gezeigt wird.

Der Motor
Der Motor des W 194 ist vom Aggregat der Repräsentations-Limousine Mercedes-Benz 300 (W 186) abgeleitet. Somit trägt der Block dieses SL die eingeschlagene Nummer „186“, der modifizierte Kopf hingegen die „194“: Für den Einsatz im Rennsportwagen steigern die Ingenieure die Leistung auf rund 170 PS (125 kW), unter anderem mithilfe von drei Solex-Sportvergasern und einer Sportnockenwelle. Der Sportmotor wird, versehen mit Trockensumpfschmierung, im Winkel von 50 Grad nach links liegend eingebaut, um unter der flachen Haube überhaupt Platz zu finden.
Im Rahmen der Restaurierung wird der Originalmotor komplett überholt. Auf einem modernen Motorenprüfstand beweist er seine Standfestigkeit – er läuft knapp 10 Stunden und bestätigt bei dieser Gelegenheit zugleich die ursprüngliche Leistungsangabe. Aufwendig ist die Instandsetzung der beiden elektrischen Kraftstoffförderpumpen, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. Jedoch stellen die Spezialisten von Mercedes-Benz Classic auch diese wieder originalgetreu her.
Auch am Motor ist der Charakter der Nummer 2 erkennbar: So ist beispielsweise das Luftfiltergehäuse aus Aluminiumblech sichtbar in Handarbeit maßangefertigt – und zwischen Gehäuse und geschlossener Motorhaube bleibt so wenig Platz, dass eine Hand nicht mehr dazwischen passen würde.

Der Zusammenbau
Das Chassis des W 194 wird im Mercedes-Benz Classic Center über mehrere Monate komplettiert. Dabei wird jedes einzelne Teil genauestens gereinigt und untersucht und, falls notwendig, instand gesetzt. So kommt der Mechaniker oft zwei Schritte voran und muss dann wieder einen zurückgehen – ein mitunter mühsames Geschäft. Doch es gelingt, und der Rennwagen von 1952 entsteht Stück für Stück wieder neu.
Ein äußerst glücklicher Umstand ist, dass er weitgehend vollständig ist. Der große Mercedes-Stern des Kühlergrills beispielsweise ist ebenfalls erkennbar handgefertigt, wie kleinere Unregelmäßigkeiten zeigen. Er wird aufpoliert und wieder angebracht, genau wie die originalen „300 SL“-Schriftzüge. Das originale Heck-Kennzeichen „W59-4029“ ist gleichfalls vorhanden – für vorne wird es detailgetreu nachgefertigt. Auch das Holzlenkrad, der Schaltknauf, die Instrumente, die Schalter: alles noch komplett. Die Vorderachse wird instand gesetzt. Sie ist komplett vernickelt – eine Methode der damaligen Zeit, um an der Rennstrecke sicherheitsrelevante Haarrisse gut erkennen zu können. Die Hinterachse zeigt insbesondere über den Zustand der dortigen Mechanik, dass die Nummer 2 keinen größeren Beanspruchungen ausgesetzt war, denn alle Zahnräder befinden sich nahezu im Neuzustand. Die originalen Alfin-Bremstrommeln werden geprüft, ausgedreht und wieder installiert und die originalen genieteten Felgen mit Reifen vom Typ Dunlop D8 versehen.
Im Interieur atmet der W 194 die Luft der damaligen Zeit. Die Sitzbezugsstoffe aus dem charakteristischen blau karierten Stoff sind neu, der Dachhimmel sowie die restlichen Bezugsstoffe sind vollständig original erhalten; sie werden gereinigt und zieren das Fahrzeug aufs Neue. Auch die darunter liegenden Aluminium-Sitzgestelle können ohne größere Arbeiten wieder verwendet werden. So entsteht der gesamte Innenraum neu – und zeigt doch die ehrwürdigen Spuren des Alters.
Ein Bravourstück ist die Karosserielackierung. Der einstige Lack auf Nitro-Basis wird als „Silberbronze“ bezeichnet. Er ist nicht mehr verfügbar und darf aufgrund von Umweltbestimmungen auch nicht mehr verwendet werden. So hat der einstige Lacklieferant von 1952 mithilfe zeitgenössischen Foto- und Filmmaterials umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, damit die Farbe möglichst nah am Original erscheint, und zur Mischung ein exaktes Rezept auf Wasserbasis erstellt. Mit diesem mattsilbernen Lack erstrahlt der W 194 jetzt wieder wie einst.
Die Nummer 2 erhält neue Scheiben. Als Windschutzscheibe kommt eine Plexiglas-Scheibe zum Einsatz. Die Seitenscheiben mit Luftklappen und die Heckscheibe bestehen ebenfalls aus Plexiglas und werden vom gleichen Lieferanten nachgefertigt, der bereits 1952 die Kunststoffverglasung für diesen 300 SL geliefert hat.
Die Restaurierungsarbeiten am ältesten existierenden SL der Welt dauern insgesamt rund 9 Monate. Doch die Mühe lohnt: Das Fahrzeug erstrahlt wieder vollständig in seiner einstigen Schönheit. Wenn jetzt der Motor des Mercedes-Benz 300 SL mit dem originalen Nummernschild „W59-4029“ wieder angelassen wird und das Fahrzeug rasch Fahrt aufnimmt, dann glaubt man gerne, dass es gut ist für eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h – und damit für eine der erfolgreichsten Rennsportkarrieren der 1950er-Jahre.

Mercedes-Benz 300 SL (Baureihe W 194)
Baujahr: 1952
Stückzahl: 10
Motor: Sechszylinder-Reihenmotor, oben liegende Nockenwelle, drei Solex-Doppelvergaser, Trockensumpfschmierung
Hubraum: 2.995 cm3
Leistung: 170 PS (125 kW) bei 5.200/min
Leergewicht: ca. 1.060 kg
Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h

Produktionszahlen Mercedes-Benz 300 SL (W 194)
Typ Konstruktions-  
bezeichnung
Produktionszeit
Vorserie bis Ende  
Stückzahl
300 SL W 194 1952 10
300 SL Prototyp    W 194/11 1953 1






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