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FIVA präsentiert Zukunftsstrategie für das Oldtimer wesen



23.04.2011  Autor: Thomas Kohler, Leiter der FIVA Arbeitsgruppe "Charta von Turin"

Mit der Charta von Turin will die FIVA die Oldtimerei weltweit vor Restriktionen schützen. Sie definiert auch den "Preis", den die Oldtimerfreunde dafür zahlen müssen: Die Akzeptanz eigentlich selbstverständlicher Grundwerte. Wie eine Gesellschaft Mobilität zelebriert, war und ist Teil ihrer kulturellen Identität. Fahrzeuge und ihr Gebrauch sind eng mit der Entwicklung einer Gesellschaft verknüpft. Immer mehr Menschen interessieren sich für Oldtimer und möchten selbst ein altes Fahrzeug besitzen. War die Oldtimerei vor nicht allzu langer Zeit das Steckenpferd einer überschaubaren Zahl von Idealisten, stellt sie heute eine weltweite Bewegung von einer signifikanten historischen und wirtschaftlichen Bedeutung dar. Doch immer schärfere und komplexere Bestimmungen gefährden das Recht, Oldtimer im öffentlichen Straßenverkehr zu fahren.
FIVA Charta Turin
FIVA Charta Turin

In Deutschland hat der 1959 gegründete Veteranen-Fahrzeug-Verband VFV mit seinen 3000 Einzelmitgliedern und an die 300 angeschlossenen Museen, Clubs und Verbänden zusammen mit dem DEUVET Privilegien in Form des H-Kennzeichens und des roten 7er Oldtimer-Dauerkennzeichens initiiert und auf politischer Ebene durchgesetzt. Diese Arbeit setzt der VFV gemeinsam mit der Oldtimer-Sektion des ADAC fort. Auch in einigen anderen Ländern bestehen Ausnahme- und Sonderregelungen für Oldtimer im Straßenverkehr. Nun arbeitet der Welt-Oldtimerverband FIVA an einer Strategie, um auf internationaler Ebene das Recht zu sichern, im Dschungel immer komplexer werdender behördlicher Restriktionen historische Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen zu fahren.

In der 1966 gegründeten FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens) mit Sitz in Brüssel sind heute in mehr als 60 Ländern über 75 Mitgliedsorganisationen mit über 1.5 Millionen Oldtimerfreunden zusammen geschlossen. Seit dem 12. April 2008 hat in Deutschland die ADAC Oldtimer-Sektion in der FIVA den Status eines ANF (Autorité Nationale de la FIVA) und löste damit den DEUVET ab. Statt in jedem Land Einzellösungen zu erkämpfen, denkt die FIVA an einen globalen Ansatz. Das "UNESCO-Übereinkommen zum Kulturgüterschutz" vom 14. November 1970, das heute in allen 120 Staaten, die es angenommen haben, in nationales Recht umgesetzt worden ist, bietet hierfür die Basis. Ihre internationale Anerkennung und ihre Ratifizierung durch die Staaten vernetzt die UNESCO-Kriterien eng mit nationalem Recht. Das ist die Basis der FIVA-Strategie.

Das "UNESCO-Übereinkommen zum Kulturgüterschutz" definiert, was Kulturgut ist und wie die Staaten die Verpflichtung zum Schutz ihrer Kulturgüter erfüllen müssen. Darüber hinaus sind viele andere wichtige Grundlagen fixiert. Mit der Ratifizierung und anschließenden Umsetzung des Abkommens haben sich die Regierungen verpflichtet, diese Kriterien und auch die darauf basierenden, von der UNESCO akzeptierten Chartas anzuerkennen, und zwar auf bestehende wie auch zukünftige. Darauf fußt die Strategie der FIVA. Dazu müssen die überwiegend für statische Objekte definierten UNESCO Kriterien für die mobilen Bedürfnisse von Fahrzeugen "übersetzt" werden. Absolutes Neuland ist das nicht. Die bereits seit 2002 bzw. 2005 existierenden Chartas für historische Schiffe (Charta von Barcelona) und Eisenbahnen (Charta von Riga) haben dabei schon Grundlegendes geleistet und die Umsetzbarkeit solcher Ideen für den praktischen Betrieb unter Beweis gestellt, und zwar unter Berücksichtigung sowohl der Anliegen der Besitzer als auch der nötigen Sicherheitsaspekte. Die FIVA erfindet hier also nichts grundlegend Neues oder phantasiert irgendwelche abgehobenen Dinge. Sie sucht sich starke Verbündete dafür, dass historische Fahrzeuge auf sicherer Rechtsgrundlage weltweit mobil und präsent bleiben. Voraussetzung, das Privileg eines umfassenden Schutzes für Fahrzeuge als mobiles Kulturgut zu erlangen, sind klare Definitionen und verbindliche Kriterien. Diese Voraussetzung entsteht derzeit in Gestalt der Charta von Turin.

Die Akzeptanz und Anwendung künftiger, auf "rollendes Kulturgut" übertragener UNESCO-Kriterien wird die Spreu von Weizen trennen, das gesamte System "Oldtimer" transparenter machen. Fälschungen und Fahrzeuge, deren historischer Bezug durch Veränderungen an Aussehen und Technik aufgegeben wurde, hätten keine Chance auf eine Oldtimerzulassung. Thomas Kohler, Initiator der Charta, führt in diesem Zusammenhang aus: "Man muss schon sehen, wie in Oldtimerkreisen gelogen wurde und wird, wie oft man lausige Fälschungen als Veteranenfahrzeuge in Verkehr setzten wollte. Wir hatten in letzter Zeit etliche "Cobras", deren deutsche Papiere ihr Oldtimer-Alter bestätigten und die wir dann als Nachbauten bestimmen konnten, die natürlich keine FIVA-ID erhalten werden. Auch die Praxis, aus Limousinen Rennautos zu schaffen, deren Chassis zu kürzen, ist mit den bereits bestehenden Regeln der FIVA nicht vereinbar. Artikel 4.2 ".... To support and encourage the restoration, preservation, use and documentation of historic vehicles of all kind..." verdeutlicht dies."

Wie ist nun der Stand der Dinge?

Am 30. Oktober 2010 präsentierte der Schweizer Thomas Kohler der FIVA-Generalversammlung in Ljubljana den von ihm initiierten und gemeinsam mit einer international besetzten Gruppe von Verbandsfunktionären und Sammlern erarbeiteten Entwurf. Die Grundideen reiften in der Italienischen Autostadt auf Veranstaltungen der ASI (Automotoclub Storico Italiano) und der FIVA heran. Daher der Name Charta von Turin.

Neben Thomas Kohler, Leiter der Motorradkommission der FIVA und Vorsitzender der "Fédération Suisse des Véhicules Anciens" (FSVA) wirkten an dem Entwurf mit: Diplomrestauratorin Gundula Tutt, Deutschland, insbesondere im Hinblick auf neue und wieder entdeckte Methoden und Techniken zur Restaurierung und Konservierung historischer Oberflächen und Werkstoffe, Rainer Hindrischedt, DAVC Deutschland und bis Herbst 2010 Vorsitzender der FIVA Technical Commission, Mark Gessler, USA, FIVA Vizepräsident und Vorsitzender der FIVA Technical Commission, sowie Yves Campion, Belgien,Grafiker & Illustrator. FIVA-Präsident Horst Brüning begleitete das Projekt in allen Phasen.

Der Entwurf der "Charta von Turin" befindet sich FIVA-intern in einer weltweiten Abstimmungsphase. Die Verabschiedung ist in der nächsten Generalversammlung geplant Die Charta hat in ihrer derzeitigen Fassung einen Umfang von drei Seiten und beinhaltet einen allgemeinen Teil und 15 Artikel.

Es geht in der Charta darum, historische Substanz unverändert zu bewahren und durch Gebrauch, Pflege, Konservierung, Restaurierung und Reparatur von historischen Fahrzeugen im aktiven Einsatz es künftigen Generationen ermöglichen, sich an diesen kulturellen Schätzen zu erfreuen.

Nach dem Verständnis der Charta von Turin sind unter dem Sammelbegriff "historische Fahrzeuge" Automobile, Motorräder, Nutzfahrzeuge, Anhänger, Fahrräder und andere mechanisch betriebene Fahrzeuge sowie nicht schienengebundene Landfahrzeuge mit Dampf-, Elektro-, Kraftstoff- oder Muskelantrieb zu verstehen.

Der Anwendungsbereich der Charta kann auch zeitgenössische Gebäude und Einrichtungen mit einem direkte Bezug zu historischen Fahrzeuge beinhalten: Fabriken, Tankstellen oder spezielle Straßen und Strecken. Darüber hinaus zielt die Charta auf die Erhaltung historisch überlieferter Handwerkstechniken sowie Kenntnisse und Fertigkeiten mit Bezug auf die Herstellung und den Betrieb historischer Fahrzeuge ab.

Die Charta definiert Begriffe und legt dar, welche Bedeutung Pflege, Wartung, Konservierung, Restaurierung und Reparatur im Zusammenhang mit historischen Fahrzeugen haben, um den Ansprüchen des Kulturgüterschutzes zu entsprechen.

Die 15 Artikel der Charta beschreiben die Fundamente und tragende Elemente des Oldtimerwesens der Zukunft.

Es geht um einen umfassenden Schutz, um die Bewahrung der Geschichte von Fahrzeugen mit allen materiellen und immateriellen Zeugnissen und die Zusammenhänge mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Es geht darum, den Betrieb von historischen Fahrzeugen zu gewährleisten, auch und gerade auf öffentlichen Straßen, und um die Weitergabe traditioneller Fertigkeiten an künftige Generationen. Dokumentationen zu den Fahrzeugen und ihrer Geschichte sollen erstellt und an sicheren Orten gelagert werden. Transparenz, eine genaue, langfristig nachvollziehbare Dokumentation von Restaurierungsmaßnahmen und die Achtung des historischen Originals spielen eine große Rolle. Der Charta-Entwurf setzt sich auch mit der Rolle von Behörden und Organisationen auseinander und plädiert für eine gemeinnützige Grundausrichtung. Sammlungen, Pläne und Dokumente, die für die Forschung zugänglich sind, sollten als Teil des kulturellen Erbes anerkannt und geschützt werden.

Damit die Charta auch im praktischen Alltag umgesetzt werden kann, plant die FIVA die Herausgabe eines kleinen Handbuches mit Erfahrungsberichten und Tipps zum Werkstattalltag.

Soweit der derzeitige Stand der Charta von Turin. Fassen wir zusammen:

Die FIVA arbeitet an einer Strategie, um Oldtimerfahrzeuge weltweit als zulässige Verkehrsmittel zu erhalten.

Dies soll auf diplomatischer Ebene im Zusammenhang mit dem in 120 Ländern rechtswirksamen "UNESCO-Übereinkommen zum Kulturgüterschutz" vom 14. November 1970 geschehen.

Die Charta von Turin basiert auf Erfahrungen aus der Praxis. Nach erfolgreichem Abschluss des weltweiten Abstimmungsprozesses wird die Charta das international gültige FIVA-Basiswerk für grundlegende Fragen des Oldtimerwesens sein.

Die Auswirkungen der FIVA-Strategie sind noch nicht in vollem Umfang abzusehen. Stefan Knittel warf mit seinem Satz: "Von den 24 Exemplaren der RS 54, die BMW 1954 gebaut hat, dürften mittlerweile rund 50 Stück bekannt sein." ein bezeichnendes Licht auf die Oldtimerei. Die Charta von Turin motiviert zur Rückbesinnung auf selbstverständliche Grundwerte und zeigt Wege und Möglichkeiten auf, wie sich das Ziel erreichen lässt. Geht die Strategie der FIVA auf, wird die Messlatte für das gesamte Oldtimerwesen höher sein als heute. Viele werden das begrüßen, andere nicht. Exakt dafür braucht es die Charta.

Weiterführender Link:

www.fiva.org



FIVA Charta Turin
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