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Peking
China bekommt sein erstes Oldtimer-Museum

Oldtimer-Museum
Oldtimer-Museum

28.04.2009       Autor: Désirée Rohrer

Im Straßenbild Chinas gibt es keine Oldtimer. Aber die Chinesen lieben Autos. Im Zuge der Individualisierung ist das Auto heute für viele zum Objekt der Begierde geworden. 1500 Neuzulassungen pro Tag in der Hautstadt Peking sprechen für sich und die Tatsache, dass bisher von 1000 Chinesen nur jeder 25. ein Fahrzeug besitzt, für das noch vorhandene Potential. Nicht verwunderlich, dass auch das Interesse an historischen Automobilen wächst. 2009 ist ein gutes Jahr für China in Sachen Oldtimer: China hat jetzt einen Präsidenten namens Guian ZONG im Oldtimer-Weltverband FIVA und Peking bekommt sein erstes Oldtimer-Museum.
Zusammen gesammelt hat die 160 Fahrzeuge, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, Wenyou Luo, 53. Ende der 70er und in den 80er Jahren, als China die Tore zum Rest der Welt langsam öffnete, begann er damit. Der Staat erlaubte das Sammeln historische Dinge und viele private Museen aller Couleur wurden eröffnet. Bekanntester privater Museumsbesitzer (Guanfu Museum Peking) ist Ma Weidu, der sogar eine eigene TV-Sendung hat, in der er seinen Landsleuten zeigt, was echt ist und was nicht: „Das Interesse an historischen Dingen zeigt, dass die Menschen jetzt einen höheren Lebensstandart genießen. Nachdem die Grundbedürfnisse gestillt sind, achten sie mehr auf ihren kulturellen Bedarf.“
Das Classic Car Museum von Wenyou Luo ist das erste seiner Art. Es ist etwa 50 km nördlich von Peking im Bezirk Huairou (Gemeinde Yangsongzhen) auf einer Fläche von 4000 qm. Eine der fünf Hallen ist dem chinesischen Honggi Red Flag gewidmet, der Ergebnis des Joint-Ventures zwischen Chinas Automobilhersteller FAW und VW/Audi ist. Als Highlight des Museums werden die Fahrzeuge von Mao Zedong, Chou Enlai, Liu Shaoqi und anderen Vertretern der Revolutionsära beschrieben. Darüber hinaus finden die Fahrzeuge hochrangiger Militärs aus dem chinesisch-japanischen Krieg ihren Platz im Museum.
Unter den Ausstellungsstücken sind neben den 30 chinesischen Modelle auch ausländische Oldtimer verschiedenster Marken, z.B. Dodge, Benz, Citroen, Morris und viele andere klassische Exemplare zu sehen. Der älteste Wagen ist ein amerikanischer GMC Studebaker aus den 1930er Jahren.


Oldtimer-Museum
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Oldtimer-TV sprach mit dem Oldtimer-Museumsgründer Wenyou Luo:

1. Wie kamen Sie dazu Oldtimer zu sammeln?
Schon als Kind haben mich Autos fasziniert. Auf dem Land bin ich immer den Traktoren hinterhergelaufen. 1979 begann ich meine Arbeit in einem Transportunternehmen und kaufte mein erstes eigenes Auto, einen sowjetischen Warschau (chin. Huasha). Zu jener Zeit waren Fahrzeuge auf der Straße noch eine Seltenheit. Die Kulturrevolution war gerade zu Ende und Deng Xiaopings Reform- und Öffnungspolitik hatte begonnen. Wenn man ein Auto besaß konnte man viel Geld verdienen. Das war meine Chance. Im Jahr 1983 als ich gerade eine Wagenladung Ifel nach Peking fuhr und zur Mittagszeit Rast machte, sah ich am Straßenrand einen Shanghai Phoenix der ersten Generation stehen (1964 in Shanghai Sedan unbenannt). Ein herrlicher Anblick! Vor allem wegen der elegant geschwungenen und nach außen hervorstehenden Scheinwerfer und Rücklichter. Er ähnelte dem 1957er Benz. Das Fahrzeug hat mich so in den Bann gezogen, dass ich es für 22.000 Yuan gekauft habe.
1998 nahm ich an einem internationalen Oldtimer-Rennen der FIVA teil und schaffte es auf den 9. Platz. Nach der Preisübergabe tauschten sich die Teilnehmer der verschiedenen Länder untereinander aus und ich bemerkte, dass sie Feuer und Flamme waren, wenn sie über ihre Oldtimer-Leidenschaft sprachen. Doch bei uns in China gab es so etwas noch gar nicht. Also verkaufte ich meine Firma (ein Kfz-Reparatur-Unternehmen) und gründete einen Oldtimer-Club. Ich hatte mit meinem Unternehmen bereits viel Geld verdient und kaufte ein Auto nach dem anderen.

2. Wo finden Sie die Oldtimer?
Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Man muss immer Ausschau halten, wenn man unterwegs ist. Viele Fahrzeuge wurden in der Kulturrevolution verbannt, da sie den Kapitalismus symbolisierten. Mit etwas Glück findet man sie noch in alten Fabrik- oder Lagerhallen der Partei oder in Scheunen abgelegener Regionen. Auch Freunde fragen für mich überall rum und sagen mir sofort Bescheid, wenn sie ein interessantes Objekt gesehen haben. Meist sind es außer Betrieb genommene Fahrzeuge. Der Preis spielt beim Kauf kaum eine Rolle.

3. Welche Geschichten erzählen ihre Fahrzeuge?
Im Grunde gibt es zu den meisten Wagen eine interessante Geschichte. Eine bedeutet mir jedoch sehr viel. Im Jahr 1998 nahm ich als erster Chinese an einem fünftägigen internationalen Oldtimer-Rennen der FIVA (Föderation Internationale Vehicules Anciens) von Dalian nach Peking teil. Aus China gab es nur einen Wagen, der für das Rennen zugelassen wurde, das war meiner! Es handelte sich um einen Rote Flagge (Red Flag / chin. Hongqi) aus zweiter Hand. Der Erstbesitzer war der Marschall und ehemalige Bürgermeister Pekings, Rongzhen Nie. Das Fahrzeug war in einem Top-Zustand. Dennoch fiel der Wagen bereits am ersten Tag des Rennens aus. Mit der Unterstützung der Polizei und Leuten aus der Umgebung gelang es, ihn wieder in Gang zu setzen. Und siehe da, ich kam auf den neunten Platz. Das machte mich unglaublich stolz! Bereits vor dem Rennen bekam ich Unterstützung von offizieller Seite. Man hoffte lediglich, dass ich das Rennen durchstehen würde. Doch als erster Chinese schaffte ich es gleich unter die besten zehn! Ich war sehr gerührt als ich durch die Dörfer fuhr: die Leute klatschten Beifall, die Polizei salutierte! Nach der Preisverleihung wurde der Wagen dann auf dem Platz des Himmlischen Friedens für das Publikum zur Schau gestellt.
Darüber hinaus gibt es natürlich viele andere Autos mit besonderem Hintergrund. Interessant sind sicherlich die Fahrzeuge, mit denen die großen Staatmänner gefahren sind: Mao Zedong, Zhou Enlai, Liu Shaoqi, der ehemalige Präsident des früheren Jugoslawiens Tito und der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl.


Oldtimer-Museum
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4. Welches ist Ihr Lieblingsfahrzeug und warum?
Da gibt es zwei. Eine 10 Meter lange Rote Flagge-Limousine, die es noch heute problemlos auf 70 bis 80 Stundenkilometer bringt. Ich habe eine besondere emotionale Bindung zu diesem Wagen, da er das moderne aufstrebende China symbolisiert. Bei dem anderen handelt es sich um eine Shanghaier Marke. Beide Fahrzeuge sind bis heute vollkommen funktionstüchtig. Außerdem wurden beide für Staatsangelegenheiten genutzt. An die heranzukommen war wirklich nicht einfach.

5. Was machen Sie, wenn Sie sich nicht um die Oldtimer kümmern?
Eigentlich dreht sich momentan alles um meine Autosammlung. Neben dem Museum betreibe ich einen Oldtimer-Club, organisiere verschiedene Veranstaltungen (Oldtimer-Treffen, Rallyes) und werde von Firmen eingeladen, denen ich einen Teil meiner Autosammlung fr Demonstrationszwecke zur Verfügung stelle.

6. Wie sieht man in China den kulturellen Wert von historischen Fahrzeugen?
Unter den Mitgliedern meines Clubs gibt es derzeit zwei Denkweisen. Die einen interessieren sich tatsächlich für die Fahrzeuge, deren Technik und den geschichtlichen Hintergrund. Sie hängen sehr an den Fahrzeugen. Die anderen sind lediglich an einer Wertsteigerung interessiert, um mit dem Objekt Geld zu verdienen.

7. Wie groß ist die Oldtimer-Szene in China schätzungsweise?
Wie groß die Oldtimer-Szene in China insgesamt ist, lässt sich schlecht schätzen. Mein Verein hat über 500 offizielle Mitglieder. Weitere 3.000 kommen gelegentlich zu unseren Veranstaltungen.

Weiterführende LINKS:
www.chinatours.de
www.laoyeche.org


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